Die WM 2026 tobt, doch auf St. Pauli schlägt der Killer zu! Grausamer Stromtod im "ZUM FREISTOSS". Folge 4 des düsteren Hamburg-Krimis lesen!
ZUM FREISTOSS – Kiez-Krimi
Folge 4: „Flutlicht-Schatten“ (Donnerstag, 25. Juni 2026)
Der Hamburger Himmel über St. Pauli liegt an diesem Donnerstag, dem 25. Juni 2026, wie eine bleierne, drückende Glocke über dem Kiez. Die Luft steht. Kein Windzug verirrt sich in die engen Seitenstraßen der Reeperbahn, nur der stickige Geruch von heißem Asphalt, verbranntem Grillfleisch und dem kollektiven Angstschweiß hunderter Fußballfans.
Im „Zum Freistoss“ herrscht eine Atmosphäre, die man mit dem Messer schneiden könnte. Die Luftfeuchtigkeit kondensiert an den vergilbten Wimpeln und den nikotingelben Wänden. Jonne steht hinter dem Tresen, das feuchte Geschirrtuch wie eine Waffe in der Faust geballt, die Augen starr auf die gigantischen, fast schon bedrohlich wirkenden Flachbildschirme an der Stirnwand gerichtet.
Es läuft die 88. Minute im WM-Gruppenspiel. Deutschland gegen Ecuador. Und es ist ein absolutes Desaster. Auf der alten Röhrenanzeigetafel über dem Tresen leuchten die gnadenlosen Zahlen in blutrotem LED-Licht: Gäste 2, Heim 1.
Klaus, der „Professor“, wischt sich mit einem gestärkten Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn. Sein ledergebundenes Notizbuch ist aufgeschlagen, die sonst so präzise Handschrift leicht zittrig. „Taktisch ein Offenbarungseid“, murmelt Klaus leise in seinen Bart. „Sie führen nach zwei Minuten durch Sané – und geben das Spiel sofort wieder aus der Hand. Angulo bestraft den ersten Fehler eiskalt. Danach fehlt jede Kontrolle im Mittelfeld. Und Plata macht nach der Ecke schließlich den Deckel drauf. So gewinnt man keine Weltmeisterschaft.“
Am Ende des Tresens sitzt Kriminalhauptkommissar Lasse Steen. Er trägt dasselbe zerknitterte Hemd wie gestern. Die Mordserie hat tiefe, schwarze Ringe unter seinen Augen hinterlassen. Drei Tote in drei Wochen. Die Boulevardpresse zerfleischt das LKA, die Stadt ist in Panik, und sein eigenes Wohnzimmer – diese Kneipe – ist zum Tatort eines geisteskranken Serienkillers geworden. Er kippt den Rest seines herben Pilseners herunter. Das Bier schmeckt heute nach Asche.
Caro wischt hastig den Tresen ab. Ihr Blick wandert immer wieder nervös zur Tür. „Jonne, der linke Screen flackert schon wieder. Wenn das Ding in der Nachspielzeit komplett ausfällt, zerlegen uns die Jungs hier die Einrichtung.“
Jonne presst die massiven Kiefer aufeinander. Tatsächlich zuckt ein unruhiges, nervöses Flimmern über die Ränder des kolossalen Bildschirms, auf dem gerade zu sehen ist, wie die deutsche Elf verzweifelt auf den Ausgleich drängt. Die Technik der neuen Monitore zieht Unmengen an Strom, das alte Leitungssystem der Kneipe ächzt unter der Last des Turniers.
Keine Antwort. Der Lärm im Gastraum schluckt jedes andere Geräusch.
Die Nachspielzeit bricht an. 92. Minute. Deutschland wirft alles nach vorne, ein letzter Ball wird in den Strafraum der Südamerikaner geschlagen – doch die ecuadorianische Abwehr klärt resolut aus der Gefahrenzone. Ein kollektiver, schmerzhafter Aufschrei hallt durch das „Zum Freistoss“. Dutzende Hände schlagen fassungslos vors Gesicht.
In exakt diesem Moment ertönt der Schlusspfiff. Deutschland verliert 2:1.
Die Stille, die dem Abpfiff folgt, ist bleiern. Es ist die lähmende Stille der völligen Desillusionierung.
Doch bevor der Frust der angetrunkenen Gäste in rohe Aggression umschlagen kann, passiert es. Ein greller, unnatürlicher Blitz zuckt hinter dem massiven Flachbildschirm an der Stirnwand auf. Ein ohrenbetäubendes, hässliches Zischen zerreißt die Luft – wie das Reißen von massivem Segeltuch. Dann ein lauter, trockener Knall, der die Schnapsgläser im Regal zum Vibrieren bringt.
Schlagartig fallen alle Bildschirme aus. Totale Schwärze. Die Hauptsicherungen der Kneipe fliegen mit einem harten, peitschenden Klack heraus. Das „Zum Freistoss“ wird in ein schummriges Halbdunkel getaucht, nur erhellt vom fahlen Neonlicht der Reeperbahn, das durch die milchigen Fenster fällt.
Und dann riechen sie es. Ein beißender, chemischer Gestank. Der Geruch von verschmorter Isolierung. Und von verbranntem Fleisch.
Jonne hechtet über den Tresen, Caro dicht hinter ihm. Gemeinsam stürmen sie auf die schmale, unscheinbare Eichentür neben der Herrentoilette zu, die in den engen, fensterlosen Technikraum führt. Hinter dieser Wand laufen alle Starkstromkabel der neuen WM-Anlage zusammen.
Steen stößt die Tür mit der Schulter auf. Der weiße Lichtkegel seiner Taschenlampe schneidet durch die absolute Dunkelheit. Dichter, giftiger Qualm beißt sofort in ihren Augen.
„Thomas!“, hustet Jonne und versucht, die dichten Schwaden mit den Händen beiseite zu wischen.
Der Strahl der Taschenlampe erfasst den massiven, offenen Verteilerkasten an der bröckeligen Wand. Und dann den Mann, der davor auf dem Boden liegt.
Es ist Thomas S., der leitende Elektriker der Kneipe. Er liegt unnatürlich verkrümmt auf den alten, staubigen Fliesen. Seine Augen sind weit aufgerissen, die Pupillen starr und milchig. Seine Hände, die noch immer tief im Gewirr der Starkstromkabel stecken, sind bis auf die Knochen verkohlt. Aus seinen Lippen steigt ein dünnes, graues Rauchfähnchen auf.
Caro stößt einen spitzen, erstickten Schrei aus und presst sich beide Hände vors Gesicht. Jonne weicht kreidebleich einen Schritt zurück.
Der Kommissar führt den Lichtkegel zentimeterweise über den Verteilerkasten. Das war kein Arbeitsunfall. Das alte Sicherungssystem war brutal und präzise überbrückt worden. Die dicken, kupfernen Starkstromkabel waren freigelegt, abisoliert – und sie waren umwickelt.
Jonne blinzelt durch den beißenden Qualm. „Ist das... ein Trikot?“
Steen leuchtet direkt darauf. Um die tödliche Falle aus geballter elektrischer Ladung war ein schneeweißes DFB-Nationaltrikot gewickelt. Es war tropfnass. Das Wasser hatte als perfekter, gnadenloser Leiter fungiert. Als Thomas in der Dunkelheit in den Kasten griff, um den Stecker zu justieren, schloss er den nassen, manipulierten Stromkreis. Die Exekution durch mehrere tausend Volt muss augenblicklich erfolgt sein.
Klaus, der Professor, ist fast geräuschlos in den Türrahmen getreten. Das flackernde Licht der Taschenlampe wirft tiefe, unheimliche Schatten in sein von Falten durchzogenes Gesicht. Mit stoischer, fast makabrer Ruhe deutet er auf die Brust des nassen, leicht angesengten Trikots.
Direkt über dem Bundesadler, präzise festgesteckt mit einer metallischen Krokodilklemme aus dem Werkzeugkoffer des Toten, prangt ein kleines, rechteckiges Stück Plastik. Blutrot.
Eine Rote Karte.
Darauf klebt ein Stück weißes Isolierband, beschrieben mit schwarzen, akkuraten Lettern. Steen leuchtet darauf und liest die Botschaft mit einer Stimme vor, die so kalt ist wie das Eis in Caros Kühltheke:
Die schwüle Hitze des Technikraums fühlt sich plötzlich an wie der tiefste Winter. Das monotone Heulen der Polizeisirenen nähert sich bereits auf der Reeperbahn.
Deutschland hat verloren. Aber im „Zum Freistoss“ hat das tödliche Turnier gerade erst seine nächste, bestialische Runde erreicht. Das Spiel läuft unerbittlich weiter. Und niemand kann ausgewechselt werden.