HAMBURG PULS KRIMI ZUM FREISTOSS - KIEZ KRIMI IN 12 FOLGEN - FOLGE 2: Die Todes-Mauer: Ein blutiger Freistoß auf dem Kiez!

ZUM FREISTOSS - KIEZ KRIMI IN 12 FOLGEN -
FOLGE 2: Die Todes-Mauer: Ein blutiger Freistoß auf dem Kiez!
Das surreale WM-Spiel auf den riesigen Bildschirmen hat das Lokal in einen Hexenkessel verwandelt: Deutschland gegen Curaçao. Es war ein historisches, gnadenloses Schützenfest. Als der Schiedsrichter in Übersee die Partie endlich abpfeift, leuchtet ein unfassbares 7:1 auf den flimmernden Anzeigetafeln. Die Kneipe explodiert in einem ohrenbetäubenden Orkan aus Jubel. Wildfremde Menschen liegen sich weinend vor Freude in den Armen, Bierduschen regnen auf den klebrigen Dielenboden, und der Zapfhahn läuft auf Hochtouren. Fangesänge hallen durch den Raum, die Luft schmeckt nach verschüttetem Pilsener, beißendem Schweiß und grenzenloser Euphorie.
Doch inmitten dieses rauschhaften Heiligtums der ehrlichen Trinker liegt ein drückender, unheilvoller Schatten. Vor genau einer Woche, am Rande der globalen Endrunde, wurde der korrupte Spielervermittler Vonwedel hier vor den Augen aller Gäste ermordet – erstickt an einer stählernen Schiedsrichter-Pfeife. Der sogenannte Schiedsrichter hatte sein diabolisches Turnier eingeläutet. Kriminalhauptkommissar Lasse Steen sitzt auf seinem gewohnten Barhocker an der Stirnseite, den Kragen seiner nassen Lederjacke hochgeschlagen. Während um ihn herum ausgelassen getanzt wird, starrt er finster auf sein Glas. Die Ermittlungen des LKA laufen permanent ins Leere. Jeder Beobachter schweigt, blockiert vom rauen Gesetz des Hamburger Kiezes.
Heute Nacht fällt inmitten der eskalierenden Feierlichkeiten auf, dass vor allem einer fehlt: „Berti“ Kowalski. Der wuchtige, mit Narben und Rauten-Tattoos übersäte Anführer einer Ultra-Gruppierung, der diese Ecke der Bar bei einem solchen Sieg normalerweise komplett abreißen würde, glänzt durch physische Abwesenheit. Seine Jungs am hinteren Stammtisch versuchen zwar, den 7:1-Triumph mit glühend roten Mexikaner-Shots zu feiern, doch ihre Blicke wechseln flüsternd, und sie fixieren jeden, der die Tür betritt, mit einer feindseligen Anspannung.
„Die Jungs von Berti haben seit 24 Stunden nichts von ihm gehört, und sein Handy ist tot“, brüllt Caro leise gegen die ohrenbetäubenden „Oh, wie ist das schön“-Gesänge an. Die smarte Barkeeperin wischt hastig den Tresen ab, ihre Augen scannen den Raum mit der gnadenlosen, analytischen Präzision ihres Kriminologie-Studiums. „Berti verpasst kein WM-Spiel. Schon gar nicht so ein 7:1-Gemetzel! Nicht mal, wenn er mit gebrochenem Kiefer im UKE liegt. Irgendwas ist hier verdammt faul, Jonne.“
Jonne, der stoische Hüne von einem Wirt, brummt nur tief aus der Brust. Sein Blick wandert über die vergilbten Holzwände und die alten Stadion-Schals. „Geh nach hinten, Caro. Bring die leeren Flaschen in den Hof, bevor wir hier im Altglas ertrinken, und schließ sofort wieder ab. Wir lassen heute nach Mitternacht niemanden mehr rein, egal wie sehr sie feiern wollen.“
Caro nickt, greift sich zwei schwere, klirrende Müllsäcke voll Altglas und drückt sich durch die feiernde Menge. Sie stößt die quietschende Stahltür zum düsteren Hinterhof auf. Die dröhnenden Bässe und das Grölen der Fans werden augenblicklich gedämpft, als die schwere Tür hinter ihr ins Schloss fällt. Draußen peitscht ihr sofort der kalte Hamburger Sommerregen ins Gesicht. Der Gestank nach verfaulten Abfällen und nassem Asphalt ist allgegenwärtig. Sie macht drei tapfere Schritte in das von flackerndem, schwachem Neonlicht erleuchtete Dunkel – und erstarrt. Die Müllsäcke entgleiten ihren Händen und zerschellen krachend auf dem Boden.
Ein einziger, gellender Schrei zerreißt die schwüle Kiez-Nacht, scharf genug, um selbst durch die dicken Wände der tobenden Kneipe zu dringen.
Steen stößt in Sekundenbruchteilen sein Glas um, zieht instinktiv seine Glock 19 und hämmert die Hintertür auf. Jonne stürmt schnaufend dicht hinter ihm in den Regen. Was sich den beiden Männern in diesem winzigen, von feuchten Brandwänden umschlossenen Hinterhof offenbart, lässt selbst Steens seit Jahrzehnten abgestumpften Verstand komplett aussetzen.
Es ist Berti Kowalski. Doch was von ihm übrig geblieben ist, gleicht einem makabren, monströsen Kunstwerk des Wahnsinns. Die wuchtige Leiche wurde in der hintersten Ecke an ein morsches Eisengitter gebunden. Die Arme des massigen Ultras sind schützend vor den Schritt gepresst, das zerstörte Gesicht schmerzvoll zur Seite gedreht. Es ist die exakte Pose einer Freistoß-Mauer – der eingefrorene Moment der schieren Panik direkt vor dem tödlichen Schuss.
Doch den finalen Treffer besorgte in diesem Fall kein Lederball. Ein tonnenschwerer, verwitterter Beton-Mauerstein hat den rechten Oberkörper und den Schädel erbarmungslos zerschmettert. Das Gewicht dieses antiken Baublocks ist so gewaltig, dass der Asphalt unter der Leiche einfach tief aufgebrochen ist. Es muss zwingend ein Industriekran oder Stapler nötig gewesen sein, um das Ungetüm unbemerkt in den abgeriegelten Hinterhof des Kiezes zu manövrieren. Jemand hat dieses Schlachtfest mit extremer logistischer Kaltblütigkeit geplant, während alle Welt nur auf das Deutschlandspiel starrte.
„Sieh dir die Markierungen an diesem grauen Stein an“, flüstert Klaus, der Professor. Der alte Lehrer ist ebenfalls zitternd in den verregneten Hof getreten, der Niederschlag tropft in Strömen von seinen dicken Brillengläsern. Er zeigt mit zittrigem Zeigefinger auf verwaschene blaue und weiße Farbreste am Beton. „Das ist ein Original-Block aus der historischen Nordkurve des längst abgerissenen Volkspark-Stadions. Bertis Anhänger haben gestohlene Teile dieser Ruine in ihrem Vereinsheim abgöttisch als Reliquien verehrt. Der Täter hat ihn mit seinem eigenen, steinernen Heiligtum erschlagen.“
Caro schlägt sich hastig die Hände vor den Mund, kämpft mit zitternden Schultern wütend gegen aufsteigende Übelkeit und panische Angst, während aus der Kneipe gedämpft ein weiterer Jubelgesang nach draußen dringt. „Er hat ihn als menschliche Mauer formiert... Eine kleine Mauer, die dem unmenschlichen Druck einfach nicht standgehalten hat.“
Lasse Steen ignoriert den sturzflutartigen Regen, geht behutsam in die Hocke und leuchtet mit der grellen LED seiner Taschenlampe in den grausigen, engen Spalt zwischen dem feuchten Stadionbeton und Bertis blutigem Kapuzenpullover. Dort ragt sie hervor. Sauber laminiert, damit der Regen ihr nichts anhaben kann. Eine blutbefleckte rote Karte.
Mit steifen, klammen Fingern dreht Kommissar Steen das Plastik um. In perfekten, schwarzen Druckbuchstaben steht dort geschrieben:
Regel 13: Der Abstand muss eingehalten werden. Wer die Mauer stellt, trägt ausnahmslos die Konsequenzen des Schusses. Zwei von Zwölf. Gezeichnet: Der Schiedsrichter.“
Ein langes, ohrenbetäubendes Donnergrollen rollt über die Dächer von St. Pauli hinweg und übertönt für einen Moment die grölenden Deutschland-Fans im Inneren. Jonne stützt sich schwer atmend gegen die nasse Backsteinmauer, das Wasser rinnt ihm über das Gesicht. Das „Zum Freistoß“ ist endgültig nicht länger nur eine Kneipe von vielen. Es ist tief ins Fadenkreuz eines bestialischen Turniers geraten, bei dem das eigene Rückgrat der Wetteinsatz ist. Der Schiedsrichter demonstriert mit brutaler Arroganz, dass er mächtige Ressourcen, intimstes Kiez-Wissen und gnadenlose Konsequenz vereint. Das Spiel geht in die nächste Runde. Und das Ticken der Uhr bis zum nächsten Samstag ist lauter als der Puls in ihren Adern.
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