HAMBURG PULS: " ZUM FREISTOSS" KIEZ KRIMI IN 12 FOLGEN! Folge 3: Die Blutgrätsche – Wenn der WM-Sieg auf dem Kiez in einem blutigen Albtraum endet

ZUM FREISTOSS

Folge 3: Die Blutgrätsche und der Quotenmacher

Samstag, 20. Juni 2026

Hamburg kochte. An diesem Samstag, dem 20. Juni 2026, lag die schwüle Luft über St. Pauli wie ein zähes, feuchtes Leichentuch. Die Weltmeisterschaft in Nordamerika war in vollem Gange, die Stadt befand sich in einem kollektiven Delirium aus billigem Dosenbier, schwarz-rot-goldener Schminke und hysterischer Hoffnung. Doch im "Zum Freistoß" war die Stimmung toxisch. Zwei Wochen, zwei Tote. Vonwedel erstickt an einer Trillerpfeife, Kowalski erschlagen von der Todes-Mauer. Die Angst saß den Stammgästen im Nacken wie ein räudiger Hund.

Jonne wischte stumm über den Tresen. Der Lappen war feucht, aber Jonnes Blick war trocken und hart. Er beobachtete den Gastraum, der trotz der Mordserie bis auf den letzten Platz gefüllt war. Die Sensationsgier war größer als die Angst. An den riesigen, neuen Flachbildschirmen lief gerade die Vorrunde, das grelle Grün des Rasens spiegelte sich in den schwitzigen Gesichtern wider.

"Die gucken uns alle an, als wären wir die verdammten Hauptdarsteller in ihrem eigenen True-Crime-Podcast", fluchte Caro leise, während sie ein Tablett mit dreckigen Gläsern abstellte. Ihre Tattoos glänzten im schummrigen Licht. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen. "Ich hab vorhin zwei Typen rausgeworfen, die Selfies vor dem Tresen machen wollten, genau da, wo Vonwedel krepiert ist."

"Lass sie glotzen", brummte Jonne. "Solange sie trinken und zahlen. Was macht unser Sorgenkind?" Er nickte kaum merklich in Richtung des abgetrennten Hinterzimmers – dem "Taktikraum".

Dort drinnen saß Marcel Becker. "Die Quote". Ein Mann, der so viel Haargel benutzte, dass sein Kopf in der Dunkelheit glänzte wie eine speckige Billardkugel. Becker orchestrierte den asiatischen Wettmarkt für den halben Kiez. Er wettete auf rote Karten, Einwürfe, Verletzungen. Ein Profiteur des Chaos. Und er war nervös. Seit Stunden wischte er sich hektisch den Schweiß von der Stirn.

Am Ende des Tresens saß Kriminalhauptkommissar Lasse Steen. Sein drittes Pils stand unberührt vor ihm. Er sah aus, als hätte er in den letzten vierzehn Tagen keine Minute geschlafen. Die Ermittlungen steckten fest. Die Presse zerriss ihn täglich in der Luft. Und der Mörder, dieser geisteskranke "Schiedsrichter", führte ihn vor.

Klaus, der Professor, blätterte präzise eine Seite seines ledernen Notizbuchs um. "Es ist die Systematik, Lasse", sagte er leise, ohne aufzusehen. Vonwedel war die Korruption auf dem Kiez. Kowalski, war er dem Schiedsrichter zu dicht auf den fersen?. Wer ist das nächste Glied in der Fehlerkette?"

Steen stützte den Kopf in die Hände. "Professor, wenn ich noch ein Wort höre, verhafte ich dich wegen Behinderung der Justiz."

In diesem Moment riss die Tür des Hinterzimmers auf. Marcel Becker wankte heraus, den Blick starr auf sein glühendes Smartphone gerichtet. Er war kreidebleich. "Ich… ich muss aufs Klo. Fünf Minuten. Keiner geht an meinen Laptop, kapiert?!", blaffte er in die Runde und verschwand im schmalen, dunklen Flur, der zu den Toiletten führte.

Das zweite Gruppenspiel der DFB-Elf in Gruppe E lief auf den Bildschirmen. Ein Sieg gegen die Elfenbeinküste würde den vorzeitigen Einzug in die K.o.-Phase bedeuten. Doch es war ein zermürbender Abnutzungskampf. Schon in der 30. Minute hatte der Kapitän Franck Kessié die Deutschen mit dem 0:1 geschockt. Der Frust am Tresen saß so tief wie bei Aleksandar Pavlovićs aberkanntem Kopfballtor, das der Schiri wegen eines angeblichen Fouls am Keeper Yahia Fofana zurückgepfiffen hatte.

Doch als Bundestrainer Julian Nagelsmann in der 59. Minute Deniz Undav für Jamal Musiala brachte, ging ein Ruck durchs Team. Nur wenige Minuten später (68.) hämmerte Undav nach einer Vorlage des ebenfalls eingewechselten Nadiem Amiri das 1:1 in die Maschen. Seitdem hing das Unentschieden wie ein Damoklesschwert über dem vollgestopften, schwitzenden Raum.

Dann brach die vierte Minute der Nachspielzeit an (90.+4). Ein tiefer, perfekt getimeter Steilpass von Felix Nmecha zerschnitt die Defensive. Matchwinner Undav zog steil in den Strafraum, blieb eiskalt und verwandelte unhaltbar zum 2:1-Endstand. Achtelfinale gesichert!

Ein ohrenbetäubender Schrei, halb totale Befreiung, halb pure Eskalation, ging durch die Kneipe. Das dröhnende Toben der Fans übertönte plötzlich jeden anderen Gedanken. Bierduschen prasselten durch die verrauchte Luft, und die ohrenbetäubende Erleichterung riss selbst die Letzten von den Barhockern. Der euphorische Siegestaumel vernebelte für einen kurzen, lauten Moment sämtliche Sinne.

Erst als Caro fünfzehn Minuten später den Mülleimer im schmalen Flur leeren wollte, fiel ihr der widerliche, süßliche Geruch auf. Er quoll unter der Tür der Herrentoilette hervor. Ein Geruch, der nicht nach abgestandenem Sieg-Bier, kaltem Rauch oder Chlor roch. Sondern nach frischem, heißem Kupfer.

"Jonne!", schrie sie. Ein Schrei, der so durchdringend, spitz und voller panischem Entsetzen war, dass er selbst das Grölen der Fußballfans durchschnitt.

Lasse Steen war der Erste, der die Tür eintrat. Er zog instinktiv seine Dienstwaffe, obwohl er in seinen Knochen längst wusste, dass jede Hilfe zu spät kam.

Der Anblick in der engen, mit Graffiti beschmierten Kabine spottete jeder polizeilichen Beschreibung. Der Boden war ein zentimetertiefer, dunkelroter See. Marcel Becker saß, oder vielmehr kauerte, auf der Toilette. Seine Augen waren weit aufgerissen, im blutleeren Gesicht stand der reine, unfassbare Schmerz der letzten Sekunden seines Lebens geschrieben.

Der Mörder hatte eine schwere, kompakte Kettensäge benutzt. Beide Beine von Marcel Becker waren auf Höhe der Kniegelenke völlig zertrümmert und mit chirurgischer Brutalität durchtrennt worden. Die abgetrennten Unterschenkel hatte jemand makaber nach oben gebogen und präzise auf Kinnhöhe des Opfers fixiert. Seine eigenen, blutgetränkten weißen Turnschuhe berührten seine starren Wangen.

Eine physische Manifestation der ultimativen, tödlichen Blutgrätsche.

Steen übergab sich beinahe, schluckte die bittere Galle aber gewaltsam hinunter. Jonne, der schwer atmend hinter ihm im Türrahmen auftauchte, rammte seine Pranken in den hölzernen Türstock. "Heilige Scheiße..."

Klaus, der Professor, drängte sich leise an den beiden erstarrten Männern vorbei. Sein kühler Blick scannte den winzigen, blutüberströmten Raum wie ein Tatortfotograf. "Da", flüsterte er und deutete mit blassem Finger nach vorn.

Mitten auf der Brust von Marcel Becker, tief ins Fleisch gerammt mit einer langen, silbernen Dartpfeil-Spitze, klebte das unvermeidliche Rechteck. Eine rote Karte. Und auf ihr, mit makelloser schwarzer Tinte geschrieben, standen die Worte:

*"Ein brutales Foul von hinten in die Beine. Klarer Platzverweis ohne Videobeweis. Die Quoten sind gefallen. Gezeichnet: Der Schiedsrichter."*

Steen ließ die Waffe sinken. Das schmutzige Neonlicht der Herrentoilette flackerte leise. Aus dem Schankraum drang verhaltenes Gemurmel, das Spiel auf den Bildschirmen ging weiter. Nächster Samstag. Nächstes Opfer.

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